
Perspektiven aus Bildung und Politik mit Katja Ahrens, SPD–Bezirksverordnete in der Bezirksverordnetenversammlung in Pankow
Bericht zur AfB – Sitzung am 21. Januar 2026
von Rodel Arnolds, Co-Vorsitzender für die Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) in Pankow
Obwohl Gleichberechtigung in Bildung und Politik rechtlich verankert ist, zeigt sich in der praktischen Erfahrung, dass engagierte Frauen weiterhin mit strukturellen und informellen Barrieren konfrontiert sind. Um die Fragen nach den Erscheinungsformen, Realbeispielen und möglichen Maßnahmen zu diskutieren, hat der AfB Pankow am 21.01.2026 ein Interview mit Katja Ahrens geführt. Es wurde u. a. deutlich, dass trotz Frauenquoten und anderen gesetzlichen Regelungen trennscharf zwischen Repräsentanz und tatsächlichem Einfluss unterschieden werden muss. So wirken in eher männlich dominierten Entscheidungsräumen Benachteiligungen eher subtil. Teilhabe wird nicht offen verweigert, sondern durch ein Nicht-Ernst-Nehmen, fehlende Rücksichtnahme oder informellen Ausschluss erschwert. So berichtet Katja davon, dass es oft noch vorkommt, dass z. B. eine mitgeteilte Einschätzung einer Frau von Männern wiederholt und dann erst als stichhaltig angesehen wird. Es entsteht in solchen Momenten der Eindruck, dass weibliche Expertise nicht wahrgenommen wird, auch wenn sie mit einem hohen mittelbaren und unmittelbaren Arbeitsaufwand verbunden ist. Auch gehörten gelegentlich wertende und teilweise auch sachfremde Zwischenrufe zum Arbeitsalltag und erschwerten das Engagement von Frauen. Es seien teilweise noch alte Denklogiken und -strukturen angelegt, die auch dazu führten, dass es auf manchen Ebenen zu einem „Backshift“ kommt. Aktive Frauen, die etwas bewegen ziehen sich zurück, weil z. B. die Arbeitslast auf sie fokussiert wird oder sie ihre persönlichen Schwerpunkte stärker in Richtung Familie oder Privatleben verlagern, um nicht mehr unter schlechtem Gewissen zu leiden oder nicht von anderen für ihre individuellen Entscheidungen bewertet zu werden. Das ebnet den Weg weg von der modernen Gesellschaft zurück zu traditionellen Rollenbildern. Im Ergebnis führe das zum Rückzug des Engagements von Frauen in Führungspositionen.
Warum gilt Durchsetzungsstärke bei Männern als Führungskompetenz, während sie bei Frauen so oft als emotionale Überreaktion abgewertet wird?
Ein Auf-Den-Tisch-Hauen einer Frau wird zuweilen eher als hysterisch oder überemotional angesehen, wohingegen Männer in solchen Momenten als durchsetzungsstark gelten würden. Das ist nur eines von vielen bekannten Phänomen geschlechtsspezifischer Doppelstandards in der Bewertung von Verhalten. Das genannte Verhalten wird eben nicht neutral bewertet, sondern durch kulturell erlernte Geschlechternormen gefiltert. Frauen wird implizit fehlende emotionale Kontrolle und Anpassung zugeschrieben, Männern dagegen Dominanz und Konfliktbereitschaft, so Katja. Überschreitet eine Frau diese Erwartung, werde ihr Verhalten häufig negativ umgedeutet, nicht wegen ihrer Handlung, sondern wegen ihrer Geschlechterrolle. Dadurch entstünde ein strukturelles Dilemma, in dem Frauen entweder riskieren als zu weich oder als unangemessen emotional wahrgenommen zu werden. Auch würden bei einem Rückzug einer Frau aus einer Führungsverantwortung, stets ein Mann bereits stehen, um die Neubesetzung abzudecken, weil es ja „jemand machen muss“. Gründe für die weiblichen Rückzug und Veränderungen an den dafür verantwortlichen Rahmenbedingungen werden nicht hinterfragt oder vorgenommen. Solche Erfahrungen zeigen, dass politisches und berufliches Engagement von Frauen langfristig und jederzeit geschwächt werden kann. Insbesondere fehlende Anerkennung und Rollenkonflikte zwischen Familie und Beruf würden die Bereitschaft zur Übernahme von Führungsrollen bei Frauen deutlich senken. Gleichzeitig würden aber ein gezieltes Ansprechen von qualifizierten Frauen in politischen Kreisen, klare Vereinbarungen, Rücksicht auf strukturelle Aspekte, wie z. B. familiengerechte Terminplanungen oder weibliche Vorbilder mit realem politischem Einfluss, das Engagement von Frauen steigern. Als Mutter, erfahrene Kommunalpolitikerin und Verwaltungspraktikerin verkörpert Katja selbst jene Mehrfachrollen, die besonders herausfordernd, aber auch hochwirksam sein können. Ihre politische Arbeit ist geprägt von der Verbindung lokaler Lebensrealitäten mit übergeordneten Entscheidungsstrukturen, etwa bei der Sanierung des Herthaplatzes in Niederschönhausen, die beispielhaft für erfolgreiche Kommunalpolitik steht.
In ihrem politischen Selbstverständnis betont Katja Ahrens die Notwendigkeit klarer Entscheidungen, belastbarer Netzwerke und einer Politik, die im Alltag der Menschen eine Relevanz erreicht. Gleichzeitig macht ihr Werdegang sichtbar, wie hoch die Anforderungen an Frauen sind, die politische Verantwortung übernehmen wollen, insbesondere, wenn familiäre Care-Arbeit hinzukommt. Die Diskussion in der abendlichen Sitzung griff die verschiedenen Ebenen gezielt auf: Sie thematisiere Auswirkungen unterschiedlicher Formen von Benachteiligung auf das Engagement von Frauen, nach konkreten Beispielen im Bildungssektor und im politischen Alltag sowie nach wirksamen Gegenstrategien.
Gleichstellung ist kein Nebenaspekt und schon gar kein Frauenthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für demokratische Qualität und politische Wirksamkeit.
Die Veranstaltung der AfB Pankow verband grundlegende Forschungsfragen zum Engagement von Frauen in Bildung und Politik, persönliche Erfahrung und politische Praxis zu einer gemeinsamen Fragestellung. Wie kann Gleichstellung nicht nur formal garantiert, sondern real gelebt werden, innerhalb der SPD wie auch in der Gesellschaft insgesamt? Die Diskussion mit Katja Ahrens bot die passende Chance, praxisnah und strategisch weiterzudenken.
Katja Ahrens ist Dipl. Lebensmittelchemikerin, seit Nov. 2021 SPD-Bezirksverordnete in der BVV in Pankow und dort Sprecherin für Mobilität und öffentliche Ordnung, vielfach im Ehrenamt aktiv und stellv. Referatsleitung in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege.